Veränderung braucht Zeit

Vor kurzem hatte ich wieder einen Termin beim Direktor eines großen österreichischen Unternehmens. Es ging um die Besprechung einer bevorstehenden Führungskräfteschulung. Obwohl ich für dieses Unternehmen bereits in der Vergangenheit gearbeitet habe, liess sich mein Gesprächspartner von mir detailliert mein Trainingskonzept erklären und prüfte mich danach auf Herz und Nieren. Wie lange ich schon selbstständig wäre? Ob ich bereits Erfahrung mit Führungskräfte hätte? Für welche Unternehmen ich bereits tätig gewesen wäre? Alles reine Routinefragen, die ich entsprechend professionell beantwortete. Und dann kam eine Frage, die mich kalt erwischte: „Gehen Sie oft in Unternehmen?“. Ich antwortete darauf wahrheitsgemäß und wie aus der Pistole geschossen: „Ich bin gerade dabei, das so weit wie möglich zu reduzieren, weil es mir einfach keine Freude mehr macht!“.

Ich selbst war über meine Antwort mindestens genauso erstaunt (um nicht zu sagen erschrocken) wie mein Gesprächspartner. Da hatte ich doch soeben einem (sehr guten) Kunden direkt ins Gesicht gesagt, dass mich derartige Aufträge nicht (mehr) besonders freuen. Aus einer geschäftlichen Perspektive mag diese Antwort definitiv falsch gewesen sein, aber dennoch kam sie aus meinem tiefsten Inneren und war absolut ehrlich.

Nach dem Gespräch habe ich länger über meine Antwort nachgedacht. „Wie konntest du nur?“, fragte ich mich selbst und fand darauf eine stimmige Erklärung: Trainings und Schulungen in Unternehmen finden meistens unter großem Zeit- und Erfolgsdruck statt. Ich kann dabei nur punktuell wirksam sein, nur minimale Anstöße und Impulse geben. Oft kommt dazu, dass die Auftraggeber wirkliche Veränderungen gar nicht beabsichtigen, sondern das jährliche Schulungssoll erfüllen möchten. Das ist durchaus legitim, wenn auch, aus meiner Sicht, schade. Ich bin Trainer und Coach mit ganzem Herzen. Nichts erfüllt mich so sehr, wie Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung zu fördern und zu begleiten. Dabei leitet mich die Überzeugung, dass persönliche Veränderung Zeit braucht. Diese Zeit habe ich in Unternehmen, in denen der Grundsatz „Zeit ist Geld“ gilt, fast nie in dem Ausmaß, das dafür nötig wäre.

Deshalb unterrichte ich so gerne in Lehrgängen. Hier kann ich Menschen über einen längeren Zeitraum begleiten, auf individuelle Bedürfnisse und Lerntempi eingehen, und all meine Erfahrung und Kompetenz einbringen, um Menschen bei ihrem inneren Wachstum zu unterstützen. Hier ist auch die Gelegenheit, hin und wieder einen kleinen Umweg zu gehen, um abseits des ausgetretenen Pfades die eine oder andere Kostbarkeit zu entdecken. Hier steht der Mensch und seine Persönlichkeit im Mittelpunkt.

Natürlich möchte und werde ich auch weiterhin in Unternehmen tätig sein und dort mein Bestes geben, um zarte Pflänzchen für eine nachhaltige Veränderung zu setzen. Mein Fokus wird allerdings zukünftig immer stärker auf meinen Lehrgängen und Seminaren liegen, damit sich aus zarten Pflänzchen irgendwann reife Persönlichkeiten mit starken Wurzeln entwickeln.

Thomas Kalkus-Promitzer

Nachsatz: ich habe den Auftrag trotzdem erhalten. Der Herr Direktor wusste meine Aufrichtigkeit zu schätzen.